Bochumer Bündnis will Erfahrung auf dem Arbeitsmarkt besser nutzen

Wer sich mit Mitte 40 bewirbt, gilt in vielen Unternehmen schon als „zu alt". Und das Problem ist größer, als viele denken. So ist in Bochum mehr als ein Viertel der Arbeitslosen 55 Jahre oder älter.

Bochum – Rund ein Viertel der Arbeitslosen sind älter als 55 Jahre, viele von ihnen mit langjähriger Berufserfahrung. Gleichzeitig fehlen dem Bochumer Arbeitsmarkt Fachkräfte. Wie passt das zusammen? Mit dieser Frage hat sich das Bündnis Leben und Arbeiten in Bochum bei seiner zweiten Sitzung beschäftigt.

Altersdiskriminierung ist weiter verbreitet, als viele denken. Laut der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat jede zweite Person sie bereits erlebt, besonders häufig im Arbeitsleben. Oft geschieht das unbewusst: Ältere werden seltener weitergebildet, bei neuen Aufgaben übergangen oder bei Bewerbungen aussortiert. Viele ziehen sich daraufhin zurück oder verlassen den Beruf früher als nötig. Dabei wird ihr Wissen dringend gebraucht. Nach Schätzung der Agentur für Arbeit gehen in Bochum in den nächsten zehn Jahren rund 30.000 Erwerbstätige in den Ruhestand.

„Wir können es uns nicht leisten, auf die Erfahrung älterer Menschen in der Arbeitswelt zu verzichten”, sagt Bochums Oberbürgermeister Jörg Lukat. „Wer Fachkräfte sucht, darf nicht sofort aufs Geburtsdatum schauen. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist eine gesamtstädtische Aufgabe, und mit dem Bündnis gehen wir sie gemeinsam an.”

Zu den ersten Maßnahmen zählen bis Juni 2027 zwei Workshops, die von der Stabstelle Leben im Alter der Stadt Bochum angeboten werden: einen für Beschäftigte und einen für Personalverantwortliche. Sie sollen für unbewusste Vorurteile sensibilisieren und konkrete Ansatzpunkte zeigen, etwa bei Führung, Weiterbildung, Mentoring und flexiblen Arbeitszeiten. „Wer mit Mitte 50 seinen Job verliert, hat es oft schwer, obwohl er Erfahrung und Motivation mitbringt”, sagt Georg Sondermann, Geschäftsführer des Jobcenters Bochum. „Wir erleben jeden Tag, wie viel Potenzial dabei ungenutzt bleibt.”

Fachkräfte zu sichern, heißt nicht nur, Erfahrene zu halten, sondern auch den Nachwuchs zu erreichen. Deshalb ging es in der Sitzung auch um junge Menschen, die den Weg in Ausbildung und Beruf noch suchen. Mit „Pommes & Perspektive” gehen die Jugendberufsagenturen Bochum und Herne neue Wege: Junge Menschen ohne Ausbildung treffen Unternehmen zum Speed-Dating in der Pommesbude. Nach dem Auftakt in Herne sind vier weitere Termine geplant. Den Anfang macht Bochum am Mittwoch, 11. November.

„Viele junge Menschen haben mehr drauf, als ihr Lebenslauf zeigt“ sagt Christopher Meier, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bochum. „Mit Pommes und Perspektiven wollen wir den Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich jenseits eines klassischen Bewerbungsverfahrens persönlich zu präsentieren. Noch immer gibt es zu viele junge Menschen, die ihren beruflichen Weg nicht gefunden haben. Gleichzeitig möchten wir Unternehmen ermutigen, genauer hinzuschauen, denn oft lohnt sich der zweite Blick.“

Die IHK Mittleres Ruhrgebiet stellte den Aktionstag „Move2Beruf” vor, bei dem Schülerinnen und Schüler Unternehmen besuchen und Berufe vor Ort kennenlernen. Der nächste Aktionstag findet am 17. Februar 2027 statt. Außerdem berichtete die Stadt über die Kommunale Arbeitsmarktstrategie und das Welcome Office Bochum, das internationale Fachkräfte beim Ankommen unterstützt.

Hintergrund: Bündnis Leben und Arbeiten in Bochum
Seit Juni 2024 arbeiten im Bündnis Leben und Arbeit in Bochum zwölf Partner aus Stadtverwaltung, Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Wissenschaft, Gewerkschaften und Wohlfahrt zusammen. Gemeinsam wollen sie Fachkräfte für Bochum gewinnen und halten, ungenutzte Potenziale auf dem Arbeitsmarkt erschließen und ihre Angebote besser aufeinander abstimmen. Weitere Organisationen, die sich einbringen möchten, sind willkommen.

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