Münster – Ausgezeichnet wird der Gedichtband „Kinder“, der 2025 erschienen ist. Der Rat der Stadt Münster hat den Vorschlag der Jury bestätigt. Der mit 15.500 Euro dotierte Preis wird als Höhepunkt des Internationalen Lyriktreffens übergeben. Der Festakt findet am Sonntag, 5. Juli 2026, in Münsters Erbdrostenhof statt.
Gedichtband mit emotionaler Tiefe, die auch in der Übersetzung wirkt
Die Jury betont die formale Eigenständigkeit und die emotionale Tiefe von Markovićs Text. In der Begründung heißt es: „Seine Mehrschichtigkeit aus lakonischen Bekenntnissen, Klagen, Spott, liedhaften Passagen und filmhaften Bewusstseinsströmen macht Markovićs Buch literarisch reich und emotional präzise zugleich.“ Dabei hebt das Gremium die Art hervor, wie die Autorin persönliche Erfahrungen mit historischen und familiären Situationen verwebt. Über die deutsche Übersetzung von Mirjana und Klaus Wittmann sagt die Jury, diese trage maßgeblich dazu bei, dass sich die poetische Energie des Originals auch im Deutschen entfalten könne. Das Gremium stellt heraus, dass es Übersetzerin und Übersetzer hervorragend gelinge, „Markovićs Ton, ihre Direktheit und inneren Klangschichten in bemerkenswerter Weise“ nachzubilden. Die deutsche Fassung erhalte dem Text „die dynamischen Sätze und die sirrende Mehrstimmigkeit des Originals“
Dichterin als literarische Stimme Serbiens
Milena Marković, 1974 in Zemun bei Belgrad geboren, erhielt als Lyrikerin, Dramatikerin und Drehbuchautorin international Anerkennung. Sie studierte Dramaturgie an der Fakultät für darstellende Künste in Belgrad, an der sie heute selbst lehrt. In Serbien gilt sie seit Jahren als eine der prägenden literarischen Stimmen ihrer Generation. Ihr Werk bewegt sich zwischen Poesie, Theater und Prosa. Für den Band „Deca“ („Kinder) wurde sie 2021 mit dem renommierten serbischen NIN-Preis ausgezeichnet.
Mit „Kinder“ legt Marković ihren siebten Gedichtband vor. Dieses Werk, das sich nicht in gängige Gattungen einordnen lässt, ist als Langgedicht angelegt. Im Zentrum steht die Sicht einer Mutter, die ihr eigenes Aufwachsen, ihre Liebesgeschichten und die Geburt ihrer Söhne reflektiert. Dabei ist ein autistischer Sohn ihr stilles Gegenüber, an dem sie Fragen nach Schuld, Fürsorge und Erinnerung ausrichtet. Der Text verbindet Erfahrungen der Autorin mit fiktiven, intimen Szenen des Familienlebens und grundsätzlichen Überlegungen zu Gesellschaft, Erinnerung und Erwachsenwerden.
Übersetzer-Paar Wittmann verschafft südosteuropäischer Literatur Gehör
Mirjana Wittmann, 1938 in Sarajevo geboren, wuchs in Belgrad auf und studierte an der Universität Heidelberg. Sie lebt in Bonn und arbeitet als literarische Übersetzerin, die aus dem Serbischen, Kroatischen und Bosnischen ins Deutsche überträgt. Wittmann hat zahlreiche Werke zeitgenössischer Autorinnen und Autoren aus Südosteuropa ins Deutsche übertragen. Viele ihrer Übertragungen veröffentlichte sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Übersetzer und Herausgeber Klaus Wittmann (1937-2023). Klaus Wittmann setzte sich über Jahrzehnte hinweg für die Vermittlung südosteuropäischer Literatur ein und prägte den literarischen Austausch zwischen dem ehemaligen Jugoslawien und dem deutschsprachigen Raum.
Für ihre Übersetzung von David Albaharis „Mutterland“ wurden die beiden 2006 mit dem Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis ausgezeichnet, 2011 erhielten sie den Paul-Celan-Preis für ihr gemeinsames Lebenswerk.
Stadt verleiht Preis seit 1993
Seit 1993 verleiht die Stadt Münster alle zwei Jahre den Preis für Internationale Poesie. Die Auszeichnung ist mit insgesamt 15.500 Euro dotiert und entfällt je zur Hälfte auf Autorin und die Übersetzerin. Jurymitglieder sind bei dieser Ausgabe Literaturwissenschaftlerin Dr. Maren Jäger, Literaturkritikerin Cornelia Jentzsch, Autor und Literaturwissenschaftler Dr. Matthias Kniep, Schriftsteller Norbert Lange, Publizist Norbert Wehr und – mit beratender Stimme – Kulturausschussmitglied bis 2025, Lia Kirsch. Preisträgerin war zuletzt die Dichterin Diane Seuss (USA) mit dem Übersetzer Franz Hofner. Das Internationale Lyriktreffen Münster wird vom Kulturamt der Stadt Münster und dem Literaturverein veranstaltet und findet vom 3. bis 5. Juli 2026 statt.




