PSAG Krefeld: Rechtsansprüche Betroffener schwieriger umzusetzen

Die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft (PSAG) Krefeld weist darauf hin, dass Gesetzesansprüche für Menschen mit Behinderungen und besonderen sozialen Schwierigkeiten immer schwieriger umgesetzt werden können.

Krefeld – Anspruchsberechtige Menschen erhielten dann nicht die notwendigen Leistungen. Auf der aktuellen Jahreshauptversammlung der PSAG 2023 ist Olaf Stiefelhagen, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Oberarzt in der Alexianer-Klinik für psychische Gesundheit Krefeld als Vorsitzender der PSAG für die nächsten zwei Jahre turnusgemäß wiedergewählt worden

Einrichtungen kämpfen mit Personalmangel und Ressourcenmangel

Grundsätzlich hat die PSAG in ihrer Jahreshauptversammlung festgestellt, dass die Mitglieder aller Untergruppen in ihren Einrichtungen mit Fachkräfte- und Personalmangel sowie finanziellem Ressourcenmangel zu kämpfen haben. In allen Gruppen bemängelten die Praktikerinnen und Praktiker, dass Rechtsansprüche Betroffener immer schwieriger gegenüber Kostenträgern umzusetzen seien, da entsprechende Gesetze nicht umgesetzt würden beziehungsweise die Bearbeitung von Kostenzusagen zu lange dauern würde. Anspruchsberechtige Menschen erhielten dann nicht die Leistungen. Das andere Szenario wäre, dass Leistungsanbieter wie Dienste oder Einrichtung, die die Leistung erbringen, in ihrer Wirtschaftlichkeit gefährdet würden.

Die PSAG verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass im Jahr 2023 insgesamt 800 Pflegeeinrichtungen deutschlandweit Insolvenz angemeldet haben. Hilfebedürftige Beeinträchtigte verblieben in der genannten Situation beispielsweise länger in stationären Einrichtungen wie der Jugendhilfe, der Altenhilfe, Kliniken, psychiatrische Einrichtungen, als es erforderlich wäre, da Leistungsansprüche auf ambulante Hilfen nicht zeitnah durchgesetzt würden. Der Leidensdruck Betroffener steige. Leistungsanbieter müssten Dinge mit umsetzen und regeln, die eigentlich Kostenträger vorzuhalten hätten, die dies aber nicht oder nicht zeitgerecht täten. Dazu kämen Bürokratiedschungel und Zuständigkeitsgerangel. Das komplexe, in vielen Stellen entkoppelte System mit den unterschiedlichen Anlaufstellen überfordere und frustriere Betroffene, Angehörige und Helfer und zum Teil auch Fachleute und sei sehr zeitintensiv.

Mitarbeitende arbeiten hochmotiviert und professionell

Obwohl die Anbieter des psychosozialen Systems mit deutlichen strukturellen Mängeln wie fehlenden Ansprechpartnern und langen Bearbeitungszeiten zu kämpfen hätten, seien die meisten Mitarbeitenden immer noch hochmotiviert und professionell. Die PSAG will den Blick darauf richten, dass Fachleute unter diesen schwierigen Bedingungen arbeiten müssen. So nimmt die Anzahl der Menschen mit Unterstützungsbedarf in der eigenen Wohnung oder besonderen Wohnformen stetig zu. In den besonderen Wohnformen können etwa freie Bewohnerplätze nicht belegt werden, aufgrund von Personal- und Fachkräftemangel bei vorgeschriebenem Betreuungsschlüssel. Die Fachkräfte seien dauernd überlastet und müssten hohe Krankenstände durch Vertretungsarbeit kompensieren, auf der anderen Seite werden die bürokratischen Ansprüche durch den Gesetzgeber erhöht. Das allerdings werde bei der Finanzierung nicht entsprechend berücksichtigt und käme den Klienten nicht zugute.

Viele Leistungserbringer des psychosozialen Systems könnten es sich außerdem mittlerweile – trotz des steigenden Bedarfs – kaum noch leisten, Ausbildungsplätze anzubieten, da die Praxisanleitung von Auszubildenden und Studierenden immer ressourcenintensiver werde und diese Zeit von der Betreuungszeit der Klientinnen und Klienten abgehe. Zudem brächen mehr überforderte Azubis vorzeitig ihre Ausbildung ab. Auch die Anzahl der wichtigen ehrenamtlich tätigen Menschen mit längerfristigem Engagement in der Beziehungspflege, etwa in der Arbeit mit älteren Menschen mit psychischen Erkrankungen, habe abgenommen.

Die PSAG warnt vor den Folgen: Sollte sich der Trend einer erschwerten Versorgung von Menschen mit entsprechenden Beeinträchtigungen durch eine unzureichende Finanzierung von Fachkräften und die Verschärfung von Prüfkriterien durch die Aufsichtsbehörden fortsetzen, bestehe die Gefahr, dass mehr Menschen durch das Versorgungsraster fallen. Es würden am ehesten diejenigen auf der Strecke bleiben, die den größten Versorgungsbedarf haben, die aber durch die Art ihrer Krankheit/Beeinträchtigung zu den „Risikofällen“ gehören. Das seien Personen, die nicht zuverlässig zu betreuen sind, die die knappen Ressourcen der Leistungserbringer sprengen und sich – rein wirtschaftlich gesehen – „nicht rechnen“. An dieser Stelle zu sparen, könne teuer werden. Der generelle Anspruch der Menschen nach der Behindertenrechtskonvention der Vereinigten Nationen auf Selbstbestimmung und soziale Teilhabe sei mit fehlenden menschlichen und finanziellen Ressourcen nicht in Übereinstimmung zu bringen.

PSAG vertritt Interessen von Menschen mit psychischen und Sucht-Problemen

Die PSAG ist eingerichtet worden, um die Interessen von Menschen mit psychischen und Sucht-Problemen und -Erkrankungen, Behinderungen oder psychosozialen Beeinträchtigungen in Krefeld zu vertreten. Sie ist seit 49 Jahren das Herzstück der Gemeindepsychiatrie Krefelds und stellt das größte Krefelder Netzwerk von Fachleuten in diesem Bereich dar. Die Mitglieder der PSAG kommen aus über 140 Angeboten und Einrichtungen des psychosozialen und medizinischen Systems vor Ort, die sich alle mit ihren Fachleuten, aber auch Helfern und Ehrenamtlern oder als Betroffene für Menschen verschiedenen Alters mit einsetzen.

Die PSAG setzt sich aus folgenden Gruppen zusammen: der Untergruppe Kinder und Jugendliche, Untergruppe Erwachsenenpsychiatrie, Untergruppe Gerontopsychiatrie, Untergruppe Sucht, Untergruppe Krise, Untergruppe geistig und mehrfach behinderte Menschen, Untergruppe Soziale Teilhabe/Wohnen, Projekt PSNV-Reserve (Psychosoziale Notfallversorgung), Projektgruppe Begleitung BTHG-Umsetzung. Den Sprecherrat der PSAG bilden die Sprecher/-innen der Gruppen, der Vorsitzende und die Geschäftsführung. Die PSAG ist auch in der Krefelder Gesundheitskonferenz, in der Konferenz für Alter und Pflege und in den für Gesundheit und Soziales sowie Jugend zuständigen Ratsausschüssen vertreten.

25 Prozent der Erwachsenen jährlich von psychischer Erkrankung betroffen

Psychische Erkrankungen zählen in Deutschland, nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bösartigen Neubildungen und die Muskulatur und das Skelett betreffende Erkrankungen, zu den vier wichtigsten Ursachen für den Verlust gesunder Lebensjahre. Jedes Jahr sind mehr als 25 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen, dies wären in Krefeld rund 47.000 Erwachsene. Armut und psychische Erkrankungen haben viele Zusammenhänge. Bei Menschen mit einer psychischen Erkrankung ist das Armutsrisiko 1,5 bis dreimal so hoch. Dies gilt übrigens auch in die umgekehrte Richtung. Mehr als jeder dritte Bezieher von Hartz IV (heute Bürgergeld) kämpfte 2020 laut dem Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung mit psychischen Problemen, viele schon vor dem Leistungsbezug. Es kann also auch in Krefeld jede und jeden treffen. Viele Menschen haben innerhalb ihrer Verwandtschaft, Bekanntschaft, Nachbarschaft oder im Freundes- oder Kollegenkreis mit psychisch-/suchtkranken Menschen zu tun.

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