Neue Foto-Ausstellung im Krefelder Stadtbad

Sie gewähren die ungeschönte Innenansicht einer für viele Menschen fremden Welt. Karla Hannen hatte 13 Einwegkameras an wohnungslose Krefelderinnen und Krefelder verteilt.

Krefeld – Wochenlang haben sie damit ihre Lebensrealität dokumentiert. Einen Ausschnitt dieses Fotoprojekts zeigt bald eine viertägige Ausstellung mit dem Titel „Augenblick“ im Wandelgang des Alten Stadtbads. Am Freitag, 27. Februar, von 14 bis 18 Uhr feiert sie Eröffnung.

Uni-Projekt einer Dualen Studentin

Auf die Idee mit der Straßenfotografie brachte Karla Hannen ein verpflichtendes Uni-Projekt. Sie ist Duale Studentin bei der Stadt Krefeld, studiert Soziale Arbeit an der Hochschule Niederrhein und ist derzeit als Streetworkerin für den Fachbereich Wohnen tätig, zuvor war sie im Jugendstreetwork. Daher stand für die 29-Jährige von Beginn an fest, dass sie jene Menschen in ihr Projekt einbinden möchte, mit denen sie tagtäglich zusammenarbeitet. Die Kunstform Fotografie wählte sie ebenso ganz bewusst aus.

„Wohnungslosen Menschen begegnen häufig Stigmata und Pauschalisierungen. Die Fotos schaffen einen Perspektivwechsel, der diese Vorverurteilung durchbrechen kann“, erklärt Karla Hannen. Aber auch die Klientel selbst hat von der Aktion profitiert, absichtlich verzichtete die Streetworkerin fast gänzlich auf Vorgaben. „Die Teilnehmenden konnten sich kreativ austoben und selbstwirksam aus ihrem Alltag erzählen. Und das kam auch bei ihnen ziemlich gut an, die Rückmeldungen waren durchweg positiv“, ergänzt Hannen.

Das gemeinsame Merkmal der teilnehmenden Menschen: Sie sind wohnungslos und kommen aus Krefeld. Ihre Biographien und Lebensumstände sind ansonsten äußerst divers. Die Altersspanne reichte von 19 bis 60 Jahren, Frauen beteiligten sich ebenso wie Männer, Langzeitobdachlose gleichermaßen wie Personen, die erst seit Kurzem auf der Straße leben. Viele sind in der Szene bekannt, viele verdeckt wohnungslos.

Augenblicke der Leichtigkeit

Fast alle haben mit Sucht, mit psychischen oder seelischen Erkrankungen zu kämpfen. Auf der Straße schlägt ihnen nicht selten Ablehnung und Ausgrenzung entgegen. Häufig aber werden sie auch gar nicht erst gesehen. Mit solchen Stereotypen möchte die Ausstellung aufräumen und Gefühle, Lebenswege und Alltagserfahrungen dieser Menschen transportieren. Weg aus der Unsichtbarkeit, hin zur echten Wahrnehmung.

Die Vielfalt der Fotografinnen und Fotografen reflektieren auch deren Bilder. Sie sind bedrückend, schön, kritisch und hoffnungsvoll, decken ein ganzes Panorama der Wirklichkeit auf der Straße ab. Immer aber bezeugen sie einen Moment, der für die fotografierende Person von Bedeutung war. Da gibt es die Aufnahme eines winzigen Verschlags, der als provisorisches Nachtlager mit ein paar dünnen Schlafsäcken als Liegeunterlage dient. Das Leben wohnungsloser Menschen kann – wie hier – trist, kalt und ungemütlich sein. Dieselben Menschen erleben aber auch freudige Momente, Augenblicke der Leichtigkeit und Schönheit.

Und dann haben die Teilnehmenden ihre Einwegkameras ebenfalls benutzt, zuweilen warme Sonnenuntergänge, einen gelösten Nachmittag mit Freunden am Wasser oder eine lustige Begegnung mit Mitarbeitenden des Kommunalen Ordnungsdienstes festgehalten. Die Ausstellung kommt größtenteils ohne Gesichter aus. Auf wenigen Fotos wurden sie zum Schutz der Personen unkenntlich gemacht.

Ausstellung als Begegnungsort

Aus über 200 Fotos hat Karla Hannen 30 Werke für die Ausstellung ausgewählt, gemeinsam mit den Teilnehmenden. Sie werden im DIN-A1-Format den Wandelgang im Alten Stadtbad schmücken, umrahmt von kurzen Erklärtexten. Die Präsentation nach außen war von Anfang an geplant, als Brückenschlag zwischen wohnungslosen und nicht-wohnungslosen Menschen: für mehr Verständnis, neue Blickwinkel und Begegnungen. Viele Teilnehmende haben sich bereits für die Ausstellung angekündigt, das freut Hannen besonders: „Sie haben uns mit ihren Fotos einen intimen Einblick in ihr Privatleben anvertraut. Das ist nicht selbstverständlich.“

Für sie hatte das Projekt einen weiteren erfreulichen Begleiteffekt. Zu vielen Teilnehmenden konnte sie im regelmäßigen Austausch über die Fotoaktion ihre Beziehung stärken, neue Hilfszugänge öffnen und das gegenseitige Vertrauen festigen. All das hatte sie bei Weitem nicht im Sinn, als sie im Herbst loszog und 13 Einwegkameras an wohnungslose Menschen in Krefeld verteilte.

Die kostenfreie Ausstellung ist neben dem Eröffnungstag am 27. Februar noch am Samstag, 28. Februar, von 11 bis 14 Uhr sowie am Montag und Dienstag, 2. und 3. März, jeweils von 11 bis 15 Uhr zu sehen. Der Zugang zum Alten Stadtbad führt über den Eingang an der Neusser Straße 58-60. Die Veranstalter empfehlen warme Bekleidung.

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