Neue Forschungsergebnisse über die Römer in Krefeld

„Gelduba - das Kastell in der spätantiken Zeit" heißt die jüngste Publikation von Dr. Christoph Reichmann, dem ehemaligen Leiter des Museums Burg Linn.

Krefeld – Der Archäologe hat darin nun neue Forschungsergebnisse und Erkenntnisse über die letzten Jahre der Römer und das folgende frühe Mittelalter in Krefeld-Gellep veröffentlicht. Der Abzug der Römer aus ihrer Provinz Niedergermanien gestaltete sich als schleichender Prozess. Selbst große Legionsstandorte wie in Nimwegen wurden aufgegeben. Nur noch in Bonn verblieb eine Legion. Dafür gewann das Kastell Gelduba im 4. und 5. Jahrhundert an strategischer Bedeutung. Unter anderen nahm der Hellweg, eine Handelsroute ins Innere des germanischen Gebiets, seinen Aus- beziehungsweise Endpunkt (heute Duisburg-Serm) vis-a-vis des Kastells. „Es lag mehr Militär in Gellep als je zuvor“, sagt Reichmann. Nach seiner Schätzung wurden etwa 150 Reiter und 300 Infanteristen im Kastell stationiert. Hinzu kamen die Menschen in der Zivilsiedlung, die nun nicht mehr am Kastell direkt, sondern zum Schutz vor Überfällen – wie 275 der Franken, einem germanischen Volksstamm, – auf einer vorgelagerten Rheininsel wohnten. Zudem existierte dort noch eine zweite Festungsanlage mit Soldaten.

Reichmann beschreibt in seinem Buch erstmals, wie man sich dieses erste Kastell in der Spätantike vorstellen kann. Sehr anschaulich schildert er die bauliche Entwicklung und die Ausbauten. „Das Kastell war für diese Zeit außergewöhnlich gut ausgestattet“, so Reichmann. Eine aus dem Orient an den Niederrhein versetzte Einheit baute um 297 fast schon eine Luxus-Variante: „Räume waren mit Marmor ausgestattet, der vom Mittelmeer importiert wurde.“ Bei den Grabungen entdeckten die Archäologen seinerzeit auch Wandmalereien sowie ein Badehaus innerhalb der Lagermauern. Und die mit teils kostbaren Beigaben versehenen Gräber aus der Spätantike lassen auf eine wohlhabende Epoche schließen.

Nach einer Belagerung durch Franken (355) und der teilweisen Zerstörung des Kastells begannen die Römer knapp fünf Jahre später mit einem kompletten Neubau. Der Grund mag in militärischen Aktivitäten in Gallien gelegen haben, die mit Auseinandersetzungen bis Gelduba auswirkten. So wurde ein Lager für rund 300 Reiter konzipiert. „Zwar mussten die Reiter nun ohne eine Fußtruppe auskommen, doch gab es noch die Fußsoldaten der Grenztruppe in der zweiten Festung auf der Insel“, schreibt Reichmann. In der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts wurde das vorhandene Kastell im größeren Umfang umgebaut, unter anderem ergänzt mit bastionsartigen Türmen. Die Reitereinheit verließ zwar um 410 Gelduba. „Früher sah man darin das Ende der römischen Grenzverteidigung am Niederrhein, jedoch konnte die neuere Forschung zeigen, dass die Grenzverteidigung tatsächlich noch bis circa 460 aufrechterhalten wurde. Das lässt sich auch in Gellep eindeutig nachweisen“, so Reichmann.

Mindestens drei Generationen fränkischer Fürsten

Nach den Römern übernahmen Franken das Kastell. „Die Verhältnisse sind nicht so anders als in der römischen Zeit“, sagt Reichmann. Dort residierten bis in die erste Hälfte des 7. Jahrhunderts mindestens drei Generationen fränkischer Fürsten – mit im Kastell stationierten Soldaten. Danach bliebt das Kastell mit einer kleinen Besatzung bestehen, wohl als Fluchtburg für die Menschen im direkten Umland. Erst im 12. Jahrhundert begann der Abriss, besser gesagt, das Abtragen. Denn das Baumaterial wurde wiederverwendet, auch für den Bau der Burg Linn. Die beigen römischen Ziegel sind noch heute im Innenhof zu finden. Ein Teil des Kastells blieb aber noch lange erhalten. „Ein Flügel hat das gesamte Mittelalter überstanden“, sagt Reichmann. In der „Römerburg“ wohnte ein Ritter, ab dem 14. Jahrhundert nachweislich der Ritter von Vossheim. Eine Familie Bawir erwarb dann kurz vor 1600 die Reste des Kastells, die sie ganz abtragen ließ. Am „steinarmen“ Niederrhein wurden römische Bauten bis auf die Fundamente abgebaut. Aber als der Dichter Bernhard Mollerus auf seiner Rheinfahrt 1570 von der Ruine in Gelduba schrieb, hat er die Mauerreste wohl in der Tat noch selbst gesehen. Erst 1966 gelang durch archäologische Grabungen die Wiederentdeckung des Kastellareals, das inzwischen zum Welterbe „Niedergermanischer Limes“ gehört.

Dr. Christoph Reichmann leitete von 1994 bis 2016 das Museum Burg Linn. Bereits als stellvertretender Museumsleiter übernahm er 1982 die Ausgrabungen im Kastell. Seit seiner Pensionierung arbeitet weiter an der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Funde in Krefeld-Gellep. Das Buch „Gelduba – das Kastell in der spätantiken Zeit“ (72 Seiten mit zahlreichen Fotos, Abbildungen und Karten; Gestaltung Manfred Grünwald) kostet 15 Euro im Museumsshop und im Handel. Die Veröffentlichung wurde durch den Verein Freunde der Museen Burg Linn ermöglicht. Die erste Auflage ist mit 1.000 Exemplaren erschienen. Ein ausführlicher Folgeband von Reichmann über das Kastell im Mittelalter ist in Vorbereitung.

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