Krefeld – Dann öffnet das Stadtarchiv Krefeld an der Girmesgath 120 im Rahmen des bundesweiten „Tag der Archive“ seine Türen – und ermöglicht Einblicke in eine Arbeit, die weit mehr ist als Ordnen und Aufbewahren. Die Einrichtung beteiligt sich erneut an der Veranstaltung, die seit 2001 vom Verband deutscher Archivarinnen und Archivare alle zwei Jahre ausgerichtet wird. Ziel ist es, die Bedeutung der Archivarbeit für Gesellschaft und Demokratie sichtbar zu machen. Diesmal lautet das Motto „Alte Heimat – Neue Heimat“. Die Besucher erwartet ein Programm mit Führungen und praktischen Beispielen der täglichen Archivarbeit. Zudem wird eine neue Kunstausstellung im Foyer gezeigt.
Während des „Tags der Archive“ können Besucherinnen und Besucher in Krefeld an Führungen um 11.30 Uhr, 14 und 16 Uhr teilnehmen. Gezeigt werden unter anderem der Reinraum, in dem Archivalien in speziellen Verfahren von Schimmel und Schadstoffen befreit werden, sowie die Digitalisierung von Archivgut. Außerdem kann schon im Foyer die Ausstellung „Krefelds 15“ der Künstlerin Mauga Houba Hausherr angeschaut werden. Die Schau stellt Krefelder Frauen vor, nach denen Straßen in der Stadt benannt sind. Hieran hat sich die Archivmitarbeiterin Saskia Bruns maßgeblich beteiligt, in dem sie die Biografien der proträtierten Frauen erstellt hat. Am Sonntag, 8. März, dem Internationalen Frauentag, wird um 11.30 Uhr die Ausstellung offiziell eröffnet. Sie ist bis zum 9. April zu sehen.
Das Stadtarchiv versteht sich längst nicht mehr nur als Bewahrer der Vergangenheit, sondern als aktiver Teil des kulturellen Lebens der Stadt – mit Ausstellungen, Bildungsarbeit und Kooperationen. „Das machen längst nicht alle Archive“, betont Krefelds Kulturbeauftragte Dr. Katharine Leiska. Der Aktionstag sei deswegen eine sehr gute Möglichkeit, das Archiv einer noch breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Die städtische Einrichtung verstehe sich als offener Ort für alle Menschen – für Forschende, historisch Interessierte, Schülerinnen und Schüler ebenso wie für Bürgerinnen und Bürger. Dass in der Stadt Dokumente aufbewahrt werden, lässt sich bis in das 15. Jahrhundert nachvollziehen. Allerdings nur mit einer Zugangsmöglichkeit für die Verwaltung. Regelrechte Stadtarchive existieren erst seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Seit 2010 ist der Zugang zu Archivgut gesetzlich als bürgerschaftliches Recht verankert. „Alleine die Existenz und die Nutzbarkeit des Stadtarchivs sind ein zentraler Beitrag zu einer offenen und demokratischen Stadtgesellschaft“, betont Richter.
4.400 Meter Stadtgeschichte
Die Dimensionen im „Gedächtnis der Stadt“ sind beeindruckend: Mehr als 4.400 laufende Meter Archivgut werden im sogenannten Endarchiv dauerhaft aufbewahrt. Ein laufender Archiv-Meter entspricht drei Kartons mit einer Breite von gut 30 Zentimetern. Die älteste Urkunde im Stadtarchiv stammt übrigens aus dem Jahr 1216. Dabei handelt es sich um einen Wirtschaftsvertrag aus der Zeit, als Krefeld noch keine Stadtrechte (ab 1373) besaß. Insgesamt behütet das Stadtarchiv mehr als 1.000 Urkunden sowie umfangreiche Bestände aus Verwaltung, Wirtschaft, Kultur und Privatnachlässen. Bevor Unterlagen ins sogenannte Endarchiv gelangen, kommen die meisten vor allem städtischen Dokumente in das Zwischenarchiv, eine Art temporärer Speicher für die städtischen Fachbereiche und Institutionen. Mit der Erweiterung im benachbarten Technischen Dienstleistungszentrum stehen dafür weitere 6.500 laufende Meter Magazinfläche für das Zwischenarchiv zur Verfügung. Vor allem für die Eingänge der nächsten Jahrzehnte. „Dort haben wir zurzeit 900 laufende Meter Schriftgut aus der Verwaltung, die dafür noch zuständig ist. Täglich werden davon auch noch Akten zurückgefordert“, erläutert Archivleiter Dr. Olaf Richter.
Im Stadtarchiv Krefeld arbeiten momentan fünf Archivarinnen und Archivare, vier weitere Mitarbeitende, zehn ehrenamtliche Kräfte sowie jährlich zehn bis zwölf Praktikantinnen und Praktikanten. Eine personelle Verstärkung unterstützt seit Jahresbeginn die Arbeit des Hauses: Katharina Amfalder hat die Position der stellvertretenden Leiterin übernommen. Die Archivarbeit der meisten Mitarbeitenden beinhaltet vor allem, eine Auswahl aus der Menge an eingehenden Dokumenten zu treffen. „Von 100 Metern bleiben oft nur zehn bis 20“, erklärt der Stadtarchivleiter. Diese Bewertung verlange Fachwissen und ein Gespür dafür, was kommende Generationen und Wissenschaftler in der Zukunft interessieren könnte. Ziel sei es, sowohl die politische als auch die soziale und kulturelle Entwicklung der Stadt nachvollziehbar zu machen.
Neben den klassischen Schriftquellen gewinnen audiovisuelle Bestände zunehmend an Bedeutung. Zeitzeugeninterviews, Filmbeiträge und Fotografien erweitern das Bild der Stadtgeschichte. Ein Großteil der Materialien ist inzwischen online abrufbar – vom Standesamtsregister bis zu Ratsprotokollen. Zudem gewinnen private Nachlässe, Vereinsarchive, Künstlerbestände und Unternehmensunterlagen eine wichtige Bedeutung beim Sammeln und Bewahren. Zu den jüngeren Zugängen im Stadtarchiv Krefeld zählen so unter anderem Materialien über eine lokale Freimaurerloge, zum einstigen Varieté Seidenfaden am Ostwall oder Briefe des Politikers Hermann von Beckerath aus dem 19. Jahrhundert.




