Lüdenscheid – „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!“ – dieser Aufschrei hallt durch die Jahrhunderte wie ein bitteres Echo unserer Gegenwart. „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“ – der Satz einer Epoche, die alles weiß und nichts mehr glaubt. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“ – eine Hoffnung, die im Lärm der Selbstoptimierung kaum noch hörbar ist.
Die Fülle der geflügelten Worte aus Faust I bezeugt nicht nur die gewaltige Sprachmacht dieses Werkes, sondern seine unheimliche Aktualität. Was als Legende um den Alchemisten Johann Georg Faust begann, wurde in den Händen von Johann Wolfgang von Goethe zur großen Tragödie des modernen Menschen. Faust ist kein Relikt der Gelehrtenstube. Er ist ein Getriebener – wie wir. Er hat alles studiert und steht doch vor dem Nichts.
In einer Welt permanenter Beschleunigung, in der wir uns optimieren, positionieren, perfektionieren, wird sein Pakt zum Sinnbild eines Systems, das keine Grenzen kennt. Mehr Effizienz. Mehr Bewusstsein. Mehr Moral. Währenddessen geraten Institutionen ins Wanken, die Kirche ringt um Glaubwürdigkeit, der Planet um Atem – und der Mensch um sich selbst.
Wäre Faust heute glücklicher? Oder würde er an derselben Leere zerbrechen – nur mit schnellerem WLAN? Vielleicht ist seine Tragödie weniger eine individuelle Verfehlung als eine schonungslose Diagnose: Technischer Fortschritt ersetzt keine innere Entwicklung. Wissen stillt keinen Sinnhunger. Und rastloses Streben macht nicht frei.
In der verdichteten Fassung von Torsten Fischer stellt sich Dominique Horwitz diesen Fragen mit existenzieller Wucht. Mit kritischer Schärfe und leiser Ironie tastet er sich durch die Gelehrtentragödie – und zugleich durch die eigene Biografie. Zwischen Erwartungsdruck und Eigensinn, Vernunft und Revolte entsteht ein Abend, der nicht beruhigt, sondern aufrüttelt.
Denn Faust erzählt von der Begegnung des Menschen mit seiner Vergänglichkeit – und mit seiner Verantwortung. Eine Tragödie, die uns zwingt, hinzusehen: auf das, was wir geworden sind. Und auf das, was wir vielleicht nie zu werden wagten.
Für die großartige Neuinszenierung von Torsten Fischer „Herr Teufel Faust“ am Donnerstag, 5. März 2026 um 19:30 Uhr gibt es noch Karten ab 13,00 Euro zzgl. Gebühren. Diese können an der Theaterkasse (Telefon 0 23 51/17 12 99), im Webshop des Kulturhauses und – abhängig von der Verfügbarkeit – an der Abendkasse vor der Veranstaltung erworben werden. An der Abendkasse gilt ein erhöhter Eintrittspreis.




