Fachtag der Schulsozialarbeiter im Kreis Borken

Vergangene Woche kamen rund 90 Fachkräfte zum Fachtag der Schulsozialarbeit im Vennehof Borken zusammen, um das Thema Mobbing in den Blick zu nehmen.

Borken – „Was können wir gegen Mobbing tun?“ Die unbequeme Erkenntnis des Referenten und Mobbing-Experten Dr. Hannes Letsch: „Nichts.“ Veranstalter der Fachtagung der Schulsozialarbeit war das Bildungsbüro des Kreises Borken.

Dr. Hannes Letsch, anerkannter Mobbing-Forscher, hielt einen kurzweiligen wie auch unbequemen Vortrag zum Thema und zeigte auf, wie Schulsozialkräfte konkret ins Handeln kommen können, um einen Ansatz gegen Mobbing zu finden. Unbequem war der Vortrag auch deshalb, weil er mit alten Mythen zum Thema aufräumte: So gilt nach wie vor oft die Annahme, dass „Mobbing“ pathologisch sei. Sprich, dass ein Krankheitsbild dahinterstecke und man sich speziell um die Täter kümmern müsse. Dazu im Gegensatz: „Es gibt bestimmte Opferpersönlichkeiten“. Auch das ist ein Mythos, denn zum Opfer können alle werden.

Er erklärte: „Mobbing ist normales Verhalten unter Jugendlichen – das können wir aus der Verhaltensbiologie klar ableiten. Und in der Tat: Delinquentes Verhalten zeigte sich (schon immer) gehäuft im Alter von 12 bis 24 Jahren.“ Der Grund: Grenzen zu testen, auszuprobieren, unbequem zu sein – all das sei eine menschliche Entwicklungsaufgabe – vor allem in der Jugend.

Dies könne sich sowohl im illegalen nächtlichen Freibadbesuch zeigen wie auch in antisozialen Verhaltensweisen. Daher sei Mobbing auch nicht als „böswillige Absicht“ einzustufen, sondern als Motivation, die eigene soziale Norm zu erhöhen, betonte Dr. Letsch und weiter: „Dazu braucht es Nachahmer, Mitläufer, unbeteiligte Zuschauer als Bühne– und leider auch ein x-beliebiges Opfer, welches das Mittel zum Zweck ist.“ Das Verhalten des Mobbers sei nicht als pathologisch anzusehen, sondern in uns allen genetisch programmiert, verdeutlichte Dr. Hannes Letsch.

„Und wie können wir Mobbing auflösen?“, wollten die Teilnehmenden wissen. Anhand seiner Forschungsergebnisse zeigte Dr. Letsch auf, dass es hier einer systemischen Intervention – und am besten Prävention im Vorfeld – bedarf. Alle „rund um die Gruppe“ seien wichtige Akteure. Wie das berühmte Dorf, das es braucht, ein Kind zu erziehen, braucht es die Menschen um die Gruppe herum, die Hand in Hand zusammenarbeiten, um die durch das Mobbing „ver-rückte soziale Norm“ wieder geradezurücken.

Besonders den Lehrern und Lehrerinnen komme hier im Schulkontext eine entscheidende Rolle zu. Wichtig sei es, ihre Funktion zu stärken und ihnen zu helfen, schwierige Situationen zu erkennen und so einen offenen Raum für Intervention zu schaffen. Hier sei zum Beispiel die Herausforderung beim Übergang von der vierten zur fünften Klasse groß: „Sie haben maximal drei Monate Zeit, dann steht die Gruppe und Prozesse sind automatisiert. Nutzen Sie den Anfang.“

Genau solchen Strategien konnten sich die Teilnehmenden in den anschließenden Gruppenarbeiten annähern. Anhand von realen Fallbeispielen diskutierten sie die Frage nach Intervention, der eigenen Rolle und die der Mitwirkenden. Ein Austausch, an dem auch einige Mitglieder des organisierenden Arbeitskreises für Schulsozialarbeit teilnahmen, rundete die Veranstaltung ab.

„Mehr davon“, wünschte sich am Ende die Mehrzahl der Teilnehmenden. „Diese Sichtweise war sehr hilfreich.“ Es war nicht der erste Besuch von Dr. Letsch in Borken. Vor einigen Jahren erhob er an Schulen in der Kreisstadt einen Teil seiner Daten, die er direkt in seinen Vortrag mit einbaute. Vermutlich wird es weitere Besuche von ihm im Westmünsterland geben.

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